Vermehrte Marktgefahren durch das Investieren in ETFs

Vermehrte Marktgefahren durch das Investieren in ETFs.

Als Christopher Bryan Moneymaker im Jahr 2003 im Alter von 28 Jahren das Main Event der World Series of Poker gewann, löste er einen weltweiten Pokerboom aus. Moneymaker hatte es als absoluter Amateur geschafft, sich für das Main Event durch ein Onlineturnier, für welches er 39 Dollar zahlte, zu qualifizieren. Seine Gewinnsumme im Main Event betrug 2,5 Millionen Dollar.

Auf dem Höhepunkt des Pokerbooms im Jahr 2006 erschien das Buch „Kill Phil”, in Anlehnung an den bekannten Hollywoodfilm „Kill Bill” von Quentin Tarantino aus dem Jahr 2004. In Kill Phil wird eine Strategie vorgestellt, mit der es einem absoluten Anfänger möglich sein sollte am Pokertisch mit damaligen Pokergrößen wie Phil Ivey oder Phil Hellmuth mitzuhalten und sie im Endeffekt auch zu besiegen. Das Buch wurde zum erfolgreichsten Pokerbuch aller Zeiten.

Wer sich (wie der Autor dieses Artikels) im Poker auskennt, weiß dass (stark verkürzt) das wesentliche Element der „Kill Phil Strategie” eine radikale Reduzierung der Spielmöglichkeiten durch ständiges Setzen aller Chips darstellt (All in push). Hierdurch muss auch der Profispieler Situationen akzeptieren, in denen er nur noch einen leichten Wahrscheinlichkeitsvorteil hat. Damit wird er einem Teil seiner Stärken beraubt – wird am Ende in der Summe der Auseinandersetzungen aber dennoch aufgrund vorteilhafter Wahrscheinlichkeit mehrheitlich gewinnen. Obwohl die Kill Phil Strategie also nur den Nachteil des Amateurs leicht reduzierte – wurde sie zu einer der beliebtesten Strategien unter Pokerneulingen überhaupt.

Im Börsenbereich war es John Bogle, der im Jahr 1975 mit dem „First Index Investment Trust”, das erste massentaugliche Vehikel für eine neue Strategie auf den Markt brachte – das passive Investieren in Börsenindizes (passive investing). Der „First Index Investment Trust” wurde später in den Vanguard 500 Index Fund umbenannt und ist heute der größte Index Fund für den S&P 500 Index und damit die Mutter aller heutigen Index Funds und ETFs.

Grundidee des passiven Investierens ist, dass es unmöglich ist, den „Markt” (Index) langfristig durch aktive Entscheidungen zu schlagen (als wissenschaftliche Grundlage diente hierzu in den 70er Jahren die „Random Walk Hypothese” und die „Theorie der effizienten Märkte”). Entsprechend ist die beste Empfehlung an einen Privatinvestor einen Börsenindex unter minimalen Gebühren nachzubilden. Hierzu waren und sind Exchange Traded Funds (ETFs) das bestmögliche Instrument.

Während die Kill Phil Strategie nur drei Jahre brauchte, um große Teile der Pokerszene zu beherrschen, dauert es mit der Idee des passiven Investierens deutlich länger. Fast 30 Jahre nach ihrer Einführung wurden im Jahr 2014 etwa 20% aller in Aktienfonds angelegten Gelder mittels passivem Investieren angelegt. Nur drei Jahre später sind es geschätzt bereits 37% und die Anzahl an neuen Index und Themen ETFs nimmt nahezu täglich zu.

 

Die Vorteile eines ETFs sind:

    ∎ Mit einem Indexinvestment hat man die Garantie nicht schlechter zu performen als der Index
    ∎ Die Gebühren von ETFs sind sehr viel geringer als die von aktiv gemanagten Fonds
    ∎ In den letzten zehn Jahren haben passiv investierte Portfolios aktiv investierende Portfolios geschlagen

 

Auf den ersten Blick erscheint das Investieren über ETFs also gerade für einen Privatanleger eine sichere Sache zu sein – ein „no brainer” wie die Amerikaner sagen würden. Wir wollen an dieser Stelle dennoch etwas „länger nachdenken”…

    Erstens:

    Man hat die Garantie nicht schlechter zu performen als der ausgewählte Index. Gleichzeitig hat man aber auch keine Chance besser zu performen!

    Zweitens:

    Eine der Hauptideen des passiven Investieren ist es, dass alle Assets fair gepreist sind und man deshalb keinen Vorteil durch aktives Analysieren bekommen kann (die Preisbildung entspricht einem fairen Wert, der Markt „funktioniert”)…aber was passiert, wenn immer mehr Investoren passiv investieren und nur einen Index nachbilden? Die angenommene faire Preisbildung verschwindet dann, weil der ETF einfach immer nur die Gewichtung des Index nachbildet. Als Folge müsste man annehmen, dass die Preise sich von ihrem „fairen” Wert wegbewegen, wodurch aktives Investieren und Analysieren doch eine Vorteil bringen könnte

    Drittens:

    Man muss sich als Investor die einfache Frage stellen:”…habe ich wirklich Vertrauen in eine Investitionsmethode, die mein Geld ohne jede Analyse nur noch nach einer Indexgewichtung investiert?”

    Als vierten und letzten Punkt wollen wir uns der Frage der Liquidität zuwenden…

    Börsenpaniken bzw. Börsencrashs beruhen fast immer auf dem kurzfristigen Fehlen von Liquidität in einem Asset. Verkäufer finden kurzfristig keinen Abnehmer für ihre Assets, als Folge geraten sie in Panik und beginnen zu „jedem Preis” zu verkaufen. Ein Crash entsteht. Da ein ETF immer zu 100% investiert ist…muss er bei jedem Geldzufluss weitere Assets kaufen, bei jedem Abfluss muss er Assets abstoßen. Man stelle sich nun als extremes Beispiel einen Markt vor, in dem 100% der Marktteilnehmer ihr Geld in einem einzigen Index investieren. Käme es nun zu dem Fall, dass Investoren Geld aus ihrem ETI abziehen würden, weil sie beispielsweise eine unerwartete Zahlung leisten müssten, würde der entsprechende ETI Assets verkaufen müssen. Es gäbe aber keinen Käufer. Der Preis würde entsprechend ins Bodenlose fallen. Natürlich ist dieses Beispiel stark verkürzt und in der Realität nicht vorstellbar, aber die Grundtendenz des Beispiels ist klar. Je mehr Anleger einer passiven Investitionsmethode folgen, umso mehr dünnt der Markt aus. Preisbewegungen in beide Richtungen werden überproportional verstärkt.

Der letzte Punkt unserer „Nachteileliste”, ist offensichtlich der gefährlichste und er greift indirekt eine alte Börsenweisheit auf – „die Masse liegt immer falsch”. Solange das Investieren über ETFs eine Randerscheinung war, hatte es gerade für den privaten Investor durchaus Vorteile und es „funktionierte”. Je höher aber der Anteil der Investments per ETIs am gesamten Markt wird, je mehr wir also ein Massenphänomen erleben, umso größer werden die Nachteile von Preisverzerrungen und fehlender Marktliquidität bei wirtschaftlichen Abschwüngen und/oder überraschendem Liquiditätsbedarf größerer Investoren.

Interessanterweise gab es in den letzten acht Jahren, der Zeit also in der das Investieren über ETFs massiv in Mode gekommen ist, noch keine größere wirtschaftliche Rezession. Die Frage also, ob der Markt in einem solchen Fall noch genügend Liquidität aufweisen würde, ist noch unbeantwortet (die anhaltenden Zentralbankkäufe von Assets in diesem Zeitraum , haben das potentielle Liquiditätsproblem zudem überdeckt) – wir sehen in jedem Fall schon jetzt eine große Gefahr für diesen Fall auf die Märkte zukommen und wir wollen hierfür zwei Beispiele nennen.

  1. Der sogenannte „Flash Crash” fand am 6 Mai 2010 statt. Der S&P Index brach hierbei innerhalb von 6 Minuten um fast 6 Prozent ein. Die Commodity Futures Trading Commission und die United States Securities and Exchange Commission gaben anschließend in einem gemeinsamen Untersuchungsbericht bekannt, dass es zu einer kurzfristigen Liquiditätskrise gekommen sei, als ein einzelner US-Händler im Rahmen von Absicherungsgeschäften E-Mini Future Kontrakte im Wert von 4,1 Millarden Dollar computergesteuert nur abhängig vom aktuellen Handelsvolumen verkauft habe. 1
  2. Wenngleich nicht die Verkäufe von ETF-Besitzern den Flash Crash ausgelöst haben, zeigt der Flash Crash die Gefahren von kurzfristiger fehlender Marktliquidität in seltener Eindeutigkeit auf und damit auch die potentiellen Gefahren eines Marktes, der immer stärker von ein und derselben Investitionsmethode durchzogen wird.
  3. Im Handelsverlauf des 09.06. dieses Jahres kam es zu einem plötzlichen Verfall des Preises von Technologieaktien. Interessanterweise waren es vor allem die hochkapitalisierten Werte wie Google, Apple und insbesondere Amazon die besonders litten. Amazon verlor in der Spitze an diesem Tag mehr als acht Prozent an Wert, die letzten fünf Prozentpunkte verlor der Wert in nur 5 Handelsminuten.

Es gibt noch keine offizielle „Untersuchung” zu diesem Fall, aber es liegt auf der Hand, dass wir es auch hier mit einem kurzfristigen Liquiditätsproblem in einem Teilsegment des Marktes zu tun hatten. Dieses Liquiditätsproblem bringt uns zu einem letzten „Problem” des ETF-Investierens, welches in jüngerer Vergangenheit entstanden ist.

Durch das immer mehr in Mode gekommene Investieren in ETFs hat sich eine Branche gebildet, die mittlerweile weit mehr als nur die klassischen Indizes Dow, Dax oder Nikkei zum Investieren anbietet. Stattdessen gibt es neben den klassischen Index ETFs mittlerweile ETFs zu fast jedem Marktthema: Wachstum, Technologie, Qualitätsaktien, Dividenden-Aktien usw.

Die Initiatoren solcher ETFs haben (um den Verkauf zu fördern) logischerweise gerne gut gelaufene Namen in ihrem jeweiligen ETF etwa Apple oder Amazon. Apple etwa passt in einen Technologie ETF, einen Wachstums ETF, einen Value-ETF, einen Dividenden ETF und in viele weitere. Dies bedeutet je erfolgreicher eine Aktie in der jüngsten Hausse war, umso interessanter wird sie für neue ETFs, wodurch sich das Kapital immer mehr in wenigen Titeln konzentriert und dazu führt, dass deren Anstieg zu einer „self fulfilling prophecy” wird.

Abschließend bedeutet dies aber auch:

Nirgendwo, und das hat der 09.06. dieses Jahres eindrucksvoll gezeigt, wird aber bei einem Versiegen des Zustroms an neuer Liquidität oder gar bei einer beginnenden Verkaufswelle das Rückschlagspotential innerhalb von Stunden größer sein als in diesen Werten.

 


1 Findings Regarding the Market Events of May 6, 2010, Report oft he staffs oft he CFTC and SEC, September 2010